Liste der Wahlverfahren
- Relatives Mehrheitswahlrecht; dabei reicht die einfache Mehrheit der Stimmen: Erhält eine Wahlmöglichkeit über die Hälfte der abgegebenen Stimmen, so spricht man von einer einfachen Mehrheit oder „Abstimmungsmehrheit“. Es wird also (ebenso wie bei der relativen Mehrheit) nicht von einer vorher bestimmten Stimmenbasis (wie z.B. Gesamtzahl der Mitglieder, etc.) ausgegangen, sondern von der Summe der Stimmen für die einzelnen Optionen. Somit kann eine einfache Mehrheitsentscheidung auch von einer Minderheit der Stimmberechtigten getroffen werden. Zum Beispiel führt bei der deutschen Bundestagswahl eine einfache Mehrheit der Wählerstimmen (>50%, die Wahlbeteiligung bleibt unberücksichtigt) immer zu einer absoluten Mehrheit im Bundestag (>50% der konkreten Sitzanzahl).
- Absolutes Mehrheitswahlrecht; auch Mehrheitswahl mit Stichwahl: Mehrheitswahl bedeutet, dass diejenige Person gewählt ist, die die meisten Stimmen bei einer Wahl auf sich vereinigen kann. Dabei unterscheidet man zwischen relativer Mehrheitswahl und absoluter Mehrheitswahl.
- Instant-Runoff-Voting: Das Instant-Runoff-Voting (IRV) ist ein anderer Ausdruck für ein Wahlverfahren mit übertragbarer Einzelstimmgebung, wobei nur ein einziger Kandidat zu wählen ist. Das Verfahren wird auch als Hare-System, Alternativ-Wahl (Alternative Vote) oder Präferenz-Wahl (Preference Vote) bezeichnet. Der Wähler gibt eine Präferenz für alle oder auch nur einige Kandidaten ab. Das Instant-Runoff-Voting dient im Sinne einer Mehrheitswahl der Bestimmung eines einzelnen Siegers, versucht aber im Gegensatz zur einfachen Mehrheitswahl die Popularität der Kandidaten genauer zu bestimmen und auch Antipathien zu berücksichtigen. So sind auch Stimmen, die für einen Wahlverlierer abgegeben wurden, nicht „verloren“.
- Coombs-Wahl: Die Coombs-Wahl ist ein Wahlverfahren, mit dem ein einzelner Sieger bestimmt wird. Ähnlich wie beim Instant-Runoff-Voting vergeben die Wähler Präferenzen an die Kandidaten.
- Condorcet-Methode: Condorcet-Methoden (nach Marie Jean Antoine Nicolas Caritat, Marquis de Condorcet) sind Wahl-Methoden, bei denen der Wähler Kandidaten nach Rang ordnet (mehrere Kandidaten auf dem selben Rang sind ebenfalls erlaubt). Anschließend werden aus diesen Daten Zweikämpfe simuliert, in denen jeder Kandidat gegen jeden anderen Kandidaten antritt. Dazu wird gezählt, wie oft ein Kandidat über seinem Gegner angeordnet ist. Wer jeden dieser Kämpfe gewinnt, ist Condorcet-Sieger.
- Wahl durch Zustimmung: Die Wahl durch Zustimmung ("Approval Voting") ist ein Wahlverfahren, bei dem der Wähler die Möglichkeit hat, für beliebig viele Kandidaten zu stimmen. Es wird nicht mehr ein Kandidat oberster Präferenz gewählt, sondern alle die Kandidaten, die akzeptabel erscheinen. Der Kandidat mit den meisten erhaltenen Stimmen ist gewählt. Die Wahl durch Zustimmung ist eine vereinfachte Form der Punktewertung.
- Borda-Wahl: Bei einer Borda-Wahl werden Präferenzen des Wählers anhand einer Rangliste ermittelt. Der erste Platz bekommt die meisten Punkte, der zweite Platz einen Punkt weniger als der erste, der dritte Platz einen Punkt weniger als der zweite, der vierte Platz einen Punkt weniger als der dritte usw.
- Rang-Wahl: Die Rang-Wahl ist ein Wahlsystem, bei der Kandidaten benotet werden, z. B. mit Schulnoten; alle Noten werden dann gemittelt. Der mit der durchschnittlich besten Note gewinnt.
Die Bezeichnung einfache Mehrheit wird mitunter auch für relative Mehrheiten benutzt (bei nur zwei Abstimmungsalternativen sind die Definitionen identisch), wodurch es zu Irrtümern kommen kann.
Bei der relativen Mehrheitswahl ist diejenige Person gewählt, die im ersten Wahlgang die meisten Stimmen erhält
(Beispiel: Personen A, B, C erhalten A:40%, B:45% und C:15%, dann ist Person B gewählt, obwohl 55% nicht für B gestimmt haben.)
Bei der absoluten Mehrheitswahl benötigt ein Kandidat mehr als 50% der Stimmen. Im obigen Beispiel ist dies für keine Person gegeben. Es kommt somit zur Stichwahl. Dabei treten meist die zwei Kandidaten an, die die meisten Stimmen im ersten Wahlgang erhalten haben (im Beispiel: A und B), d.h. im zweiten Wahlgang kann man sich nur noch zwischen A und B entscheiden. Dabei können noch beide Personen gewinnen (Kandidat A kann trotzdem noch 51% im zweiten Wahlgang erhalten). Aber ein Kandidat muss mehr als 50% erhalten (und sei es bloß eine Stimme), bei Gleichstand gibt es mehrere Möglichkeiten wie verfahren wird: entweder wird noch ein weiteres Mal gewählt oder per Los entschieden.
Es ist auch in der Stichwahl möglich, dass beide Kandidaten nicht 50% der abgegebenen Stimmen erhalten (somit das Quorum) nicht erreicht haben). Dies kann passieren, wenn sich Wähler enthalten oder es ungültige Wahlzettel gibt. (Beispiel: Kandidat A erhält 49%, Kandidat B 48% und der Rest hat sich enthalten oder die Stimmen sind ungültig.) In diesem Fall wird in der Regel noch einmal gewählt (wobei dann oft mit relativer Mehrheitswahl um Endlosabstimmungen zu vermeiden). Da bei öffentlichen Wahlen, etwa der Direktwahl eines Bürgermeisters, jedoch nur die gültigen Stimmen zählen, während Enthaltungen als ungültige Stimmen gewertet werden, tritt dieses Problem dort nicht auf.
Demokratischer ist die absolute Mehrheitswahl, da der Amtsinhaber eine größere Legitimität innehat und eine Mehrheit von über 50% der abgegeben Stimmen auf sich vereinigen könnte. Die Legitimierung hängt natürlich auch von der Wahlbeteiligung ab, doch ist bei der relativen Mehrheitswahl möglich, dass ein Kandidat nur mit 15% der Stimmen für ein Amt oder Mandat gewählt ist, weil es 50 Kandidaten gab. Die relative Mehrheitswahl hat den Vorteil, dass man nach einem Wahlgang weiß, wer gewonnen hat, was das Wahlverfahren im Allgemeinen beschleunigt.
Eine Alternative bietet das Präferenzwahlverfahren Instant-Runoff-Voting, bei dem die Stichwahl bereits in den ersten Wahlgang integriert ist.
Die Instant-Runoff-Methode bietet den Wählern einen großen Vorteil: Sie müssen sich nicht entweder für oder gegen einen bestimmten Kandidaten entscheiden, sondern sie wählen die Kandidaten in der von ihnen gewünschten Reihenfolge – derjenige, der am stärksten ihrem Ideal entspricht, hat die erste Priorität. In der Realität kommt es auch nie vor, dass ein Wähler zu 100 % von einem Kandidaten überzeugt ist, und so kommt die Instant-Runoff-Methode dem Wähler entgegen.
Ein zweiter Vorteil besteht darin, dass der Wille des Wählers sehr gut respektiert wird: Im herkömmlichen Majorzsystem gäbe beispielsweise es drei Kandidaten, nämlich A, B und C. A erhält rund 40 % der Stimmen, B etwa 35 % und C den Rest, nämlich 25 %. Wer ist jetzt der legitime Sieger der Wahl? A kann es nicht sein, denn er wurde nur von 40 % der Wähler unterstützt, während die Mehrheit, nämlich 60 %, gegen ihn war. Das Instant-Runoff-Voting hebt diese Ungerechtigkeit zum Teil auf, indem die Zweit- und Drittstimmen der Leute, die Kandidat B oder C favorisierten, ausgezählt werden.
Dieses Wahlverfahren wird in den USA seit langem als Alternative zu dem dort verwendeten Verfahren diskutiert. Ein aktuelles Beispiel zeigt, dass die heutige Lage unbefriedigend ist: Ein Mitglied der Grünen Partei, der gleichzeitig den Kandidaten der Demokraten dem Kandidaten der Republikaner vorzieht, würde am liebsten den Präsidentschaftskandidaten seiner eigenen Partei wählen, aber wenn er dies tut, dann spielt er durch sein Nichtstimmen für den Demokraten dem republikanischen Kandidaten in die Hände. Jeder Wähler in den USA wird also in erster Linie das „kleinere Übel“ wählen anstelle jenen Kandidaten, mit dem er sich am stärksten identifiziert.
Sowohl große als auch kleinere Parteien sollten von dem IRV profitieren, die großen, weil kleinere Parteien keine Stimmen mehr „stehlen“ würden aufgrund des so genannten spoiler effects (berühmtestes Beispiel: Präsidentschaftswahlen 2000 in Florida, USA, wo die Grüne Partei möglicherweise den Sieg der Demokraten verhindert hat), und die kleineren, weil ihre Wähler gefahrlos für ihre Lieblingskandidaten stimmen können.
Hat kein Kandidat die absolute Mehrheit unter den Erstpräferenzen erreicht, wird der schwächste Kandidat aus dem Rennen genommen. Als schwächster Kandidat gilt dabei nicht wie bei der übertragbaren Einzelstimmgebung der Kandidat mit den wenigsten Erstpräferenzen, sondern jenige, der am häufigsten auf den letzten Rang gewählt wurde. Die für ihn abgegeben Stimmen werden entsprechend der Zweitpräferenz auf die verbleibenden Kandidaten verteilt. Hat erneut kein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht, wird der nun Schwächste der verbliebenen Kandidaten aus dem Rennen genommen und die auf ihn entfallenen Stimmen an die Zweitpräferenzen verteilt; ist die Zweitpräferenz bereits ausgeschieden wird die Drittpräferenz herangezogen. Dieses Vorgehen wird solange fortgesetzt, bis ein Kandidat die absolute Mehrheit erreicht hat.
Im Unterschied zum Instant-Runoff-Voting scheidet bei der Coombs-Wahl von den verbliebenen Kandidaten nicht jener mit den wenigsten Erstpräferenzen aus, sondern jener, der am häufigsten auf den letzten Rang gewählt wurde.
Alle Condorcet-Methoden sind sich vollkommen einig über den Gewinner, wenn jemand Condorcet-Sieger ist. Sie unterscheiden sich darin, wen sie als Gewinner festlegen, wenn es keinen Condorcet-Sieger gibt.
Die Sozialwahltheorie untersucht und vergleicht u. a. unterschiedliche Aggregationsverfahren und deren Probleme und Vorzüge.
Dabei wird die Möglichkeit von taktischem Abstimmungsverhalten der Wähler mit dem Ziel, das für einen selbst bestmögliche Wahlergebnis durchzusetzen, nicht berücksichtigt. („Zwar wäre mir Kandidat A am liebsten, aber da er keine Aussicht hat zu gewinnen, stimme ich für Kandidat B, der für mich der zweitbeste ist.“) Derartige Überlegungen können bei realen Abstimmungen nicht ausgeschlossen werden.
Bei der Möglichkeit, nur einen Kandidaten zu wählen, kann durch die Wahlarithmetik der am meisten polarisierende Kandidat gewinnen, während bei der Wahl durch Zustimmung eher der beliebteste Kandidat gewinnt.
Es gibt offensichtliche Möglichkeiten, taktisch zu wählen:
Wenn der Wähler keine Information über das wahrscheinliche Wahlergebnis hat, bietet sich an, die als überdurchschnittlich gut empfundenen Kandidaten zu wählen. Wenn sich ein Rennen zwischen zwei Kandidaten abzeichnet und der Wähler im System der Einfachen Mehrheit das kleinere Übel wählen würde, ist die optimale Taktik, diesen auch im Approval Voting zu wählen und dazu alle, die man dem Kompromisskandidaten gegenüber bevorzugt.
Dennoch ist Approval Voting bemerkenswert taktikresistent. Angenommen, die Wahl verläuft unter Wahrung der Anonymität und ohne Bekanntgabe von Zwischenergebnissen, während noch gewählt wird. Wenn man des Weiteren annimmt, dass ein Wähler nur das unmittelbare Wahlergebnis optimieren will und keine langfristige Taktik verfolgt, dann hat der Wähler keinen Grund, einen Kompromisskandidaten über seinen Favoriten zu stellen. Bei wiederholtem Antreten derselben Kandidaten im Verlauf mehrerer Wahlen resultiert die Taktik, Kompromisskandidat und darüber Bevorzugte anzukreuzen, sogar in einer genaueren Repräsentierung des Mehrheitswillens.
Es gibt dabei zwei unterschiedliche Methoden, die Punktzahl für den ersten Platz festzulegen: Die simplere Methode gibt der Erstplatzierung einen Punkt weniger als es insgesamt an Kandidaten gibt, so dass eine komplett ausgefüllte Rangliste dem letzten 0 Punkte gibt. Der Wähler hat hier die Möglichkeit durch Verzicht auf weitere ehrliche Angaben nach der Erstplatzierung seinem Favoriten bessere Chancen zu geben. Die modifizierte Version hingegen gibt dem Erstplatzierten so viele Punkte, wie der Wähler Kandidaten angeordnet hat. Sind nur zwei markiert, gibt es für den ersten nur 2 Punkte und den zweitplatzierten 1 Punkt. Sind 8 markiert, bekommt der erste 8 Punkte und der zweite 7.
Borda hat eine Schwachstelle: Die Methode ist nicht immun gegenüber Clone-Angriffen. Das bedeutet, eine Ideologie kann ihre Erfolgschancen merklich steigern, indem sie die Zahl ihrer Kandidaten erhöht. Borda wird jedoch bei Wettbewerben wie dem Eurovision Song Contest angewendet.
Außerdem ist die Rangfolge nicht transitiv. Das Paradox der Rangordnungsbewertung nach Borda entsteht, wenn ein Kandidat nach der Wahl ausgeschlossen wird und die ursprüngliche Rangfolge sich ändert. Ein konstruiertes Beispiel mit vier Kandidaten und sieben Juroren:

Hier ist Kandidat c der Sieger. Nach Ausschluß des Kandidaten d, der die geringste Punktzahl hat, ergibt sich ein Sieg für a.

Diese Wahlmethode wurde von Nicolaus Cusanus 1433 in "De concordantia catholica" [vgl. Band 3, Abschnitt 536] vorgeschlagen, blieb jedoch unbeachtet und wird heute dem Franzosen Jean Charles Borda zugeordnet. Dieser stand im Widerstreit u.a. zum Marquis de Condorcet, dessen Condorcet-Methode inzwischen von einigen Organisationen für Wahlen verwendet wird.
Es gibt zahlreiche andere Verfahren zur Aggregation von Präferenzen: Condorcet-Methode, Coombs-Wahl, Instant-Runoff-Voting, Mehrheitswahl mit Stichwahl, Rang-Wahl, Ranked Pairs, Schulze-Methode, Wahl durch Zustimmung. Die Sozialwahltheorie (engl. Social Choice Theory) beschäftigt sich mit diesen Verfahren und Regeln.
Das System funktioniert nur, wenn die Bewertenden in keinem Interessenkonflikt stehen. Denn es lässt sich sehr leicht beeinflussen, indem man Extreme wählt. Je größer die Skala, desto stärker wird der Effekt dadurch. Die logische Konsequenz daraus ist ein Rangwahlsystem mit kleinster Skala: Wahl durch Zustimmung
Eine andere Möglichkeit, den Einfluss von Extrembenotungen abzumildern, ist, statt des Durchschnitts den Median zu verwenden.

Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Rang-Wahl
ASEwahlsystem - 9. Okt, 20:47


